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Geeignet für Normalgesunde

Interview:

Vipassana –Meditation bezeichnet Begierde und Vermeidung als Quellen allen Leides und verspricht einen Ausweg. Naheliegend, dass es Versuche gibt, die Methode auch in der Suchtherapie einzusetzen. Dr. Gerhard Scholz hat diesen Versuch im Schweizer Suchtzentrum „Start Again“ unternommen.

Dr. Scholz, an diesem 10-Tageskurs haben auch fünf Drogensüchtige teilgenommen. Wie ist es ihnen ergangen?

Erst mal waren es wohl zu viele auf einmal. Vor allem zwei der vier Männer haben doch für eine gewisse Unruhe gesorgt, weil sie immer wieder den Kontakt zueinander suchten und so auch das Gebot der „edlen Stille“ störten. Ich denke, ein Mann und eine Frau sind genug. Ansonsten war es recht hart. Thomas (Name geändert) kam nach dem „Adhiţţãna“-Sitzen ganz aufgeregt zu mir und jammerte: “Es reißt, es reißt!“ „Reißen“ ist hier in der Schweiz der Ausdruck der Süchtigen für massive Entzugserscheinungen, so wie in USA“ Turkey“.

Ist Thomas denn noch auf Droge?

Nein, er ist schon viele Monate clean. Wir würden keinen aktuell Süchtigen hier zulassen. Aber das lange Stillhalten beim „Adhiţţãna“-Sitzen hat ja den Zweck, alte Muster aus dem Unterbewusstsein zu Tage zu fördern, damit man sich damit beschäftigen kann. Für einen Süchtigen ist das die Sucht, auch wenn er schon lange clean ist. Dann bekommt er das „Reißen“ obwohl der körperliche Entzug längst abgeschlossen ist, und das ist als Erscheinung einfach zu massiv, als dass man erwarten könnte, dass die Abhängigen die geforderte Gleichmut bewahren.

Hat denn die Vipassana-Meditation in der Suchttherapie überhaupt einen Zweck?

Nicht als alleinige Maßnahme. Süchtige brauchen systemische Therapie um die familiären oder umfeldbedingten Auslöser der Sucht zu identifizieren, Verhaltenstherapie, um den Alltag bewältigen zu lernen, Selbsthilfe unter Betroffenen und vieles andere mehr. Aber all das geht meiner Ansicht nach nicht tief genug, nicht an die eigentlichen Ursachen.

Wo muss man die suchen?

Die Logik der Sucht ist nicht in erster Linie die Suche nach dem rauschhaften Zustand oder die Flucht vor dem Alltag und seinen Herausforderungen. Das mögen Auslöser für den Einstieg in den Konsum von Drogen sein. Aber diese Ziele werden ja im Laufe des Konsums immer weniger erreicht. Die nötige Dosis für den Rausch steigt, seine Intensität nimmt ab, der Alltag wird gerade mit der eintretenden Sucht immer schlimmer und schwieriger, man denke nur an die Schwierigkeiten der Beschaffung und den Verlust an sozialem Status und Beziehungen – und es ist nicht so, dass die Süchtigen das nicht bemerken würden. Ihr traumatisierendes Erlebnis ist der immer weitergehende Verlust ihrer Autonomie und die wachsende Scham darüber, dass sie ihr Schicksal nicht mehr willentlich ändern können. So wird die Sucht selbst zur Ursache weiteren Drogenkonsums. Eine Abwärtsspirale ohnegleichen.

Wie kann Meditation da helfen?

Nicht jede beliebige Meditation, sondern eine Meditation wie Vipassana, die das körperliche Geschehen direkt zum Gegenstand der Meditation macht, das kann helfen. Der Süchtige lernt – wie der Gesunde auch, das körperliche Empfinden wahrzunehmen – aber nicht mehr darauf zu reagieren, sondern es zu akzeptieren wie es ist. Ohne eine Handlung daraus zu begründen und sei es nur, die Meditation abzubrechen oder sich eine angenehme Ablenkung zu verschaffen. Damit gewinnt er Stück für Stück seine Autonomie zurück.

Aber in der akuten Suchtphase ist das doch kaum möglich...

Genau, deswegen muss erst der körperliche Entzug abgeschlossen sein und dann führen wir die Süchtigen über Wochen und Monate an die Vipassana-Meditation heran. Selbst dann ist es oft noch zu viel, wie man an Thomas sehen konnte. Aber jedes Bisschen hilft. Er ist ja erst nach der Meditation zu mir gekommen und nicht schon während der Meditation schreiend aus dem Raum gestürzt. Im Übrigen behauptet die Vipassana-Methode nicht von sich, ein Heilmittel für Psychosen oder andere schwere seelische Krankheiten zu sein und solche Teilnehmer werden zu den Kursen normalerweise auch nicht zugelassen. In der Meditation können diese Psychosen und das was darunter liegt erst richtig aufgewühlt werden – und dafür sind die Vipassana-Lehrer nicht ausgebildet. Die Kurse sind etwas für „Normalgesunde“. Andere könnten in Schwierigkeiten geraten.

Und doch setzen Sie diese Meditation bei Süchtigen ein...

Im schützenden Rahmen einer therapeutischen Einrichtung kann genau dieser Effekt wertvoll sein, weil man dann an die Ursachen heran kommt, die sonst vergraben bleiben. Das gilt für den Normalgesunden ebenso wie für den Süchtigen und psychisch Kranken, nur dass letztere einen geschützteren Rahmen brauchen, um mit den Ergebnissen ihrer „Ausgrabungen“ zurecht zu kommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Gerhard Scholz, Dr. phil.

ist Geschäftsführer und Gründer der Organisationsberatungsfirma „Mensch & Organisation“ in Winterthur, Schweiz. Er studierte Sozialwissenschaften und Politik, ist systemischer Paar- und Familientherapeut, absolvierte eine Kaderausbildung in systemischer Organisationsentwicklung und Weiterbildungen mit Peter Senge am MIT, USA. Zunächst als Wissenschaftler in der Sozialforschung und als Lehrbeauftragter an Universität und an Fachhochschulen in der Schweiz und Deutschland tätig, führte er während acht Jahren als Gesamtleiter das Zentrum für Suchttherapie „start again“ in Zürich. Er war Mitbegründer des Instituts für Suchtforschung in Zürich und leitete Bewusstseinsschulungskurse bei der Deutschen Gesellschaft für Personalführung in Düsseldorf.

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Siehe auch Interview mit Dr. Scholz über Vipassana in der Drogentherapie.
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