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Afghanistan-Blog #2: Ankunft in Kabul

Nach knapp 22 Stunden Anreise über Frankfurt und Dubai ist heute die Ankunft in Kabul. Mal sehen, was von dem, was ich mir über Afghanistan und Kabul angelesen habe, der Wahrheit entspricht.

Bevor die klapprige afghanische Boing 767 von Dubai nach Kabul startet, ertönt eine Anrufung Allahs aus den Bordlautsprechern, rüde unterbrochen durch die Safety-Instructions. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott? Anschließend ertönt meditative Saiten- und Trommelmusik zu Bildern des Tourismusministeriums, wenn es denn eines gibt. Gleich zu Anfang werden die von den Taliban gesprengten, riesenhaften Buddhafiguren gezeigt. Immer wieder wird eine Afghanistanflagge durchs Bild geschwenkt, zwischen historischen Ruinen, rauher Landschaft und Menschen der afghanischen Zeitgeschichte.

Der Kontrast zu dem entsprechenden Werbe-Film bei Anflug auf Dubai könnte kaum größer sein: Dort das Versprechen von Ruhe und Ausgeglichenheit an die Schönen und Reichen durch ausgiebigen Konsum, hier ruhige Bilder von Dingen und Menschen, auf die ein Land stolz sein will. Die handwerkliche Musik das afghanischen Filmchens, eigentlich Bilderschau, ist allemal angenehmer als die animierende esokonsumwellness-Berieselung des Dubai-Vergleichsstückes.

Dann Unterhaltung: Eine Variante der versteckten Kamera, gedreht offensichtlich in einem islamischen Land, wenn auch wahrscheinlich nicht Afghanistan, denn die Frauen sind nicht verschleiert. Der Akteur stellt eine Kloschüssel in die Umkleidekabine eines Textilgeschäftes und lässt sich von den Kundinnen mit herabgelassener Hose erwischen.

In der echten Bordtoilette gibt es keine Seife aber das Essen riecht lecker. Schmecken tut es einigermaßen. Nach der Landung die Stunde der Wahrheit: Die Miasmen von Kabul. Praktisch jeder Reisebericht aus Kabul beginnt damit, und erst vor einer Woche hat ein Spiegel-Online Autor berichtet, dass selbst Kurzzeitbesucher Gefahr laufen, sich vor lauter Abgasen den Kabul-Husten einzufangen. Andere Autoren setzen den Anteil von Fäkalstaub an der Kabuler Luft im zweistelligen Prozentbereich an.

Die Flugzeugtüre öffnet sich, und herein dringt kühle, frische Bergluft.

Zugegeben: Es ist Frühling und es hat gerade erst so ausgiebig geregnet wie schon sehr lange nicht mehr, die Luft ist rein gewaschen. Schon zwei Stunden später riecht man wieder Abgase und Staub, aber da habe ich im Manhattan der 80er Jahre Schlimmeres erlebt. Im Sommer allerdings soll es wegen der Hitze doch ziemlich stinken.

Nach einer unspektakulären Einreiseprozedur treten wir vor das neue Flughafengebäude. Da schickt die untergehende Sonne schräg durch die schneebedeckten Gipfel des Hindukusch Lichtfächer in den Talkessel. Es ist unglaublich ruhig. So richtig friedlich. Wo ist denn nun die 3 oder 4 Millionen Stadt mit ihren Kriegsruinen, ihrem brodelnden Verkehr, ihren Flüchtlingsslums, ihrem Elend, ihren Selbstmordattentaten und ihrer drohenden Kriegsgefahr?

Wir werden mit dem Geländewagen abgeholt und fahren rechts um das Zentrum von Kabul herum. Der Krieg ist hier weitgehend weggeräumt. Die ersten Verkaufsstände und dann die im Orient so typischen Verkaufsgaragen tauchen auf, die Sonne spiegelt sich malerisch in Wasserlachen. Für die Bevölkerung sind die weniger idyllisch, der Regen hat den Boden neben der breiten Asphaltstraße aufgeweicht und die Kunden waten knietief durch Schlamm zu den Ständen. Rechts der Militärflughafen hinter Beton und Stacheldraht, links frisch geräumte Schuttfelder, Neubauten und Slums im Wechsel.

Dann von der Umgehungsstraße ein Stück in die Stadt, wo der Verkehr dichter wird und man den Fahrradfahrern zwischen den Autos gar nicht zuschauen mag. Hotel, frisch machen, Abholung zum Abendessen.

Beim Abendessen mit Mitarbeitern einer deutschen Hilfsorganisation die Bestätigung. Kabul ist so ruhig wie lange nicht mehr. Sonst kaum eine Woche ohne Selbstmordanschlag, jetzt schon drei oder vier Wochen nichts. Positiv gesehen wird das nicht. Man fürchtet, dass diese Ruhe bedeutet, dass ein größerer Anschlag in Planung ist. Die Ruhe vor dem Sturm, die Lunte am Pulverfass?

Auch sonst sind die Nachrichten von den Menschen vor Ort nicht eben beruhigend. Außerhalb Kabuls sei die Ordnung im Prinzip zusammengebrochen. Nicht mehr nur im Süden und Südosten, sondern im ganzen Land werde mehr oder weniger gekämpft. Truppen und Banden unterschiedlichster Herkunft und Interessenlagen zögen durch insbesondere auch die Gegend, die wir morgen besuchen wollen. Na dann guten Appetit.

Dramatisch die Geschichte von einem deutschen Mitarbeiter, der als Fahrer eines Autos einen Afghanen anfuhr, diesen verletzt ins Krankenhaus brachte, wo der Mann starb und die Polizei den deutschen Fahrer verhaftete. Ein halbes Jahr später nach mehreren Gefängnisaufenthalten wurde der Mann freigesprochen und war doch gebrochen. Der afghanische Richter wollte den deutschen Fahrer im Gefängnis sehen, ungeachtet eines Abkommens, dass Angehörige von Hilfsorganisationen in solchen Fällen grundsätzlich nicht belangt werden, weil man von Schuld oder doch einer Klärung der Schuldfrage bei dieser Art von Verkehr nicht sprechen könne. Auch dann noch können Unfallfahrer an Ort und Stelle gelyncht oder von der Familie des Opfers jahrelang mit Blutrache verfolgt werden. Deswegen verbieten die Hilfsorganisationen ihren Mitarbeitern grundsätzlich, selbst ein Auto zu lenken. Und wenn doch ein Unfall passiert, dann lautet die Empfehlung an die Fahrer, auf jeden Fall zu flüchten. Gegebenenfalls, nach dem man das Opfer erst noch mal richtig überfahren hat, damit es das Auto nicht identifizieren kann.

Angeblich ist das die Standardempfehlung nicht nur für Afghanistan. Oder doch Jägerlatein? Auch Mitglieder von Hilfsorganisationen lassen vielleicht die Situation manchmal gefährlicher und menschenunwürdiger erscheinen als sie ist. Das wertet auf.

Na, morgen werden wir noch näher an herangehen an diesen Krisenherd. Und uns selbst eine Meinung bilden.

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